Artikel von Admin • 07.06.2017, 15:12:49 Uhr
Das deutsche Fernsehen ist tot. Lang lebe das deutsche Fernsehen!

                                                                -    von Cecilia Röski   -

 

Sitzend und liegend zugleich starre ich vor mir auf die Flimmerkiste. Der Blick des Betrachters geht an meinem mit Tomatensoße beschmierten Oberteil herunter zu meiner, sagen wir, Freizeithose. Darunter sind meine Füße zu einem gleichschenkligen Dreieck gespreizt und niemand wagt sich vorzustellen, dass diese wurstigen Beine zur Fortbewegung geeignet wären. Mein Kopf ist leer, mein Blick irre. Zwischendurch grunze ich wie wildgeworden los, weil eine dicke, ungeduschte Frau „das Einzigste“ gesagt hat. Ha, denke ich mir zum zehnten Mal, es gibt keinen Superlativ von ‚einzig‘. Ich bin schlau, geradezu genial. Und ungeduscht, aber das sieht ja niemand.

Denn ich mache das nur „aus Spaß“, um mich „berieseln“ zu lassen, weil man das hin und wieder „mal braucht“. Außerdem schaue ich ja sonst nur arte und 3sat, argumentiere ich in Kreisen intellektueller Brillen. Die Brillen nicken anerkennend, sie hat arte gesagt. Drei Jahre später habe ich meine Kinder aus Spaß Brandon und Cheyenne genannt, die ich mir von zwei verschiedenen Vätern berieselt lassen habe. Keine Zeit mehr für arte.

Schlecht inszenierter Selbstbetrug, der die geistige und körperliche Verwesung vorantreibt, bis der Fernseher nur noch ein Spiegel der eigenen hässlichen Fratze ist. Man flüchtet sich in die Welt der Verwahrlosung, in jeglicher Hinsicht. Sendungen wie „Frauentausch“ müffeln, sie sind der pure Gestank. Man ekelt sich ja so gern. Widerlich, diese dreckigen Wohnungen, Menschen und Toiletten. Immer die gleichen Einstellungen, seltsame Musik, die eigentlich nur singt, was man eh schon sieht, müllige Spezialeffekte und die Leute finden es gut, schauen es aber nur zur Unterhaltung. Es ist so unterhaltend, dass ich meine, mir läuft ein wenig Hirnmasse aus der Nase.

Andere Sendungen wie „Der Bachelor“ sind zwar weniger eklig, aber vermitteln den Eindruck, dass alle Menschen Leonie heißen und stets ein Abiballkleid von P&C tragen. Man schämt sich irgendwie für die Willkürlichkeit. Die Schnelllebigkeit, wenn mal wieder eine Zunge die andere trifft, macht traurig, desillusioniert. Warum ist die Welt so oberflächlich, warum jeder so austauschbar, gibt es noch die eine große Liebe und wann finde ich sie, denkt man sich, während man bei Tinder Felix (26), Max (30) und Paul (25) ein Herz gibt. Da ist sie wieder, die eigene hässliche Fratze.

Die Grundschuledition vom Tatort kann man nun die ganze Woche nachmittags anschauen. Es gilt, Verdachtsfälle des Alltags zu lösen. Dabei weiß man schon zu Beginn, wie es ausgeht und beglückwünscht sich selber für diese Genialität. Das ist bei einem „Krimi“ absolut sinnvoll.

 

 

Ich bin Cecilia und habe eigentlich bloß Zuckerwatte im Kopf. Wenn ich nicht gerade mein Studienfach wechsel, schreibe ich auf meinem Blog und spreche auf meinem YouTube-Kanal über mir wichtig erscheinende Themen. Außerdem findet man dort polemische Gedichte und Texte sowie surreale Kurzgeschichten. Mein Geld verdiene ich mir in einer SM-Agentur (Social Media, Mensch!), das ich dann für Reisen und Bücher wieder verprassen kann. Mein Motto: Einfach mal mit Edding Gesichter auf Penisse malen!

 

 

Während man diese ganzen Sendungen absorbiert, fühlt es sich ein bisschen so an, als würde man Massentierhaltung unterstützen. Ich sehe, wie Vera Int-Veen die arme Beate mit einem Bolzenschuss erlegt und zum Ausbluten über ein Becken hängt, moralisch gesehen. Wenn man diese Sendungen schaut, unterstützt man eine Fließband-Produktion von schlecht inszenierten Scripted Reality Formaten und vergisst, wie gut Fernsehen mal war. Dass man gespannt mit seiner Familie vor dem Fernseher saß und mit den Kandidaten von „Wetten, dass…“ mit gefiebert hat. Zumindest erzählen das immer alle, wenn man in der Nostalgie des guten Fernsehens schwelgt. Für mich hat „Wetten, dass…“ und vergleichbare Shows  den Charakter eines muffigen Schützenvereins. Ich denke eher an die Zeiten, als man noch gesteppt und im Regen getanzt hat, aber das würde jetzt zu weit führen. Fakt ist, es hat immer gutes und schlechtes Fernsehen gegeben. Die Debatte um das Verderben der Jugend gibt es schon, seitdem der Buchdruck erfunden wurde. Doch um an der richtigen Stelle zu suchen, sich die Rosinen herauszupicken und sich an der Vielfalt des deutschen Fernsehens zu erfreuen, sind die meisten zu faul. Dann wird sich beschwert, dass nichts Ordentliches mehr im Fernsehen läuft.

Ich suche, in Mediatheken, bei Spartensendern, lasse mir Sendungen empfehlen und bin regelmäßig so erstaunt, dass mein Mund offen steht.

Nein, das deutsche Fernsehen ist nicht tot, es lebt und ist wunderschön. Man muss nur einen Blick dafür haben und vor allem Zeit, die man nicht an stumpfe Stinke-Sendungen verschwendet hat. Versucht das mal!

 

 

 

Titelbild: © unsplash_tracy thomas
Text: Cecilia Röski

"Außerdem schaue ich ja sonst nur arte und 3sat, argumentiere ich in Kreisen intellektueller Brillen. "
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