Artikel von Admin • 07.06.2017, 14:43:03 Uhr
Lesetipp: Zur Soziologie des Kinos

Emilie Altenloh war eine Vorreiterin. Vielleicht wurde dieser Begriff sogar erst für sie erfunden.
Zu einem Zeitpunkt, als die ersten festen Kinos erbaut wurden, befasste sie sich bereits mit den soziologischen Zusammenhängen rund um den Kinematographen.
Ihre Dissertation aus dem Jahr 1913 gehört zu den meistzitierten Publikationen auf diesem Gebiet und war die erste Untersuchung ihrer Art.
Sie wurde 1914 in einer von ihrem Doktorvater,  Alfred Weber, herausgegebenen Reihe "Schriften zur Soziologie der Kultur" veröffentlich.
 

2012 wurde das Werk dann von Andrea Haller, Martin Loiperdinger und Heide Schlüpmann neu herausgegeben und enthält nun Beiträge zum Entstehungs- und Wirkungskontext der Studie.
 

Die Dissertation ist legendär, da sie erstmals wissenschaftliche Auskünfte über die Kino-Unternehmung der Frühzeit und die soziale Schichten ihrer Besucher enthält. Sie stellt die Grundvoraussetzung dar und erörtert die Faktoren, die man kennen muss, wenn man zu einem begründeten Urteil über das damalige Kinowesen kommen will.

Emilie Altenloh betrachtete das Kino aus der Produktions- und der Konsumentensicht, versucht die Stellung des Kinos in der Gesamtheit der Interessen der Individuen um die Jahre 1911-1912 darzustellen und bedient sich dabei statistischer Grundlagen, welche im Wesentlichen auf Umfragen in Mannheim fußen.
Das Interesse am Kinematographen wurde teils durch mündliches Befragen und teils durch schriftliche Ausfüllung von Bogen festgestellt. Es wurden Fragen gestellt nach Name, Beruf, Alter aber auch wann, wie oft und aus welchem Grund man das Kino besuchte.

Insgesamt musste Emilie Altenloh bei der praktischen Durchführung der Befragung  häufig Kompromisse eingehen, die sehr geeignet waren die Antworten auf ihre Fragen zu verfälschen, sie sind daher weder valide noch repräsentativ.

Jedoch betont sie zu Beginn des zweiten Teils ihrer Studie das es auch nicht ihr Anspruch war, jede ihrer Aussagen zum Kinopublikum empirisch zu belegen.
"Es ist unmöglich, durch Zahlen allein ein richtiges Bild zu gewinnen, da eine Reihe von äußeren Zufälligkeiten die Richtigkeit beeinflussen und nur eine intensive Fühlungnahme mit den einzelnen dieser Lücken ausfüllen kann"(S.108).

Wenn also heute die Ergebnisse nicht unmittelbar nachvollziehbar sind, sondern "als subjektive, nicht überprüfbare Einschätzungen und nicht oder kaum begründete Schlüsse erscheinen" (S.109), ist zu betonen, dass was heute subjektiv oder kaum begründet scheinen mag, in der Wissenschaft vor hundert Jahren sehr wohl als objektiv und wohlbegründet galt. 

So hat gerade Emilie Altenlohs Bestreben die Ergebnisse ihrer Befragung des Mannheimer Publikums zu einer Soziologie des Kinos zu verallgemeinern, ihrer Studie nachhaltige Aktualität beschert und bietet einen tollen Überblick zur Lage und Entwicklung des frühen Kinos.
Das mag jetzt erst einmal sehr trocken klingen, ein Haufen von Zahlen über eine längst vergangene Zeit. Allerdings gelingt es Altenloh die vielen Zahlen und Fakten in einen unterhaltsamen literarischen Kontext zu setzen, indem man durch ein von ihr beschriebenes Mannheim im Jahr 1911 spaziert.

Ihre Dissertation "Zur Soziologie des Kinos" ist daher Medien- und Soziologiestudenten, aber auch allen, die sich für die Anfänge des Kinos und dessen Publikum interessieren, sehr zu empfehlen.

 

 

 

 

Text: Vanessa Linnemann

als man noch vom Kinematographen sprach
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