Artikel von Admin • 07.06.2017, 14:50:39 Uhr
Regisseur Facundo V. Scalerandi im Interview

 

Facundo V. Scalerandi arbeitet seit Jahren als Drehbuchautor und Regisseur. Sein Diplomfilm Goldfische feierte beim Filmfest Max Ophüls Preis im Januar seine Premiere im mittellangen Wettbewerb.
Wir haben ihn in Saarbrücken zum Interview getroffen,  unter anderem über Co-Produktion und Drehbuchauflösung gesprochen, sowie diverse Tipps für Einsteiger bekommen.

 

 

1. Euer Film Goldfische läuft hier in Saarbrücken im Wettbewerb der mittellangen Spielfilme.
Wie ist es zu dem Projekt gekommen?


Das Drehbuch ist von dem spanischen Autor Alvaro Alvarez, den ich vor ein paar Jahren in Spanien kennengelernt habe.
Er hat es mir gezeigt. Es hat eine Zeit lang gedauert, bis ich gemerkt habe, dass ich mir vorstellen könnte, es selbst zu inszenieren.
Und dann habe ich ihm gesagt, dass ich es gerne machen würde und zwar sogar als mein Diplom Abschlussfilm.

 

2. War es ein fertiges Drehbuch, oder habt ihr dann noch zusammen daran gearbeitet?

Es war ein fertiges Drehbuch und danach haben wir gemeinsam daran gearbeitet. Ich glaube, man muss ein
Drehbuch immer noch ein wenig adaptieren, wenn man es selbst inszenieren möchte.
Als Regisseur sollte man ein Buch mit seiner eigenen Stimme erzählen.

 

3. An welcher Schule war es dein Abschlussfilm? Wo hast du studiert?

Ich habe an der Kunsthochschule für Medien studiert, in Köln.
Goldfische ist ein doppelter Diplomfilm, von mir und meinem Kameramann (Brendan Uffelmann).

 

4. Es ist eine Ko-Produktion der khm und der Bildundtonfabrik. Zudem seid ihr von der
Film-und Medienstiftung NRW gefördert. Kannst du etwas über die Produktion erzählen?
Was hängt da alles dran so einen Film machen zu können?

Im Fall der Kunsthochschule für Medien Köln bekommt man einen Zugang um seinen Diplomfilm bei der Filmstiftung NRW anzumelden. Da gibt es verschiedene Arten von Förderungen. Damals gab es die P1 und die P2, jetzt gibt es eine die sich Nachwuchsförderung nennt. Ich glaube, die gibt es nur für Filmschulen in NRW. 4-5 Mal im Jahr gibt es dann einen Einreichtermin. Ich glaube es gibt auch Förderungen für freie Projekte, die man dann dort einreichen kann, um die Fördermittel zu bekommen. Wir haben es damals genau zur Umstrukturierung der Förderprogramme eingereicht. Im März hatten wir den Film damals eingereicht und im Juli die Zusage für die Förderung bekommen.

Was die Co-Produktion angeht, ist es jedem überlassen, ob er das machen möchte oder nicht. In unserem Fall hat es sich angeboten. Man hat natürlich mehr Geld zur Verfügung und das Projekt ist damit etwas abgesicherter. Zudem erfährt man auch, wie es ist mit einer Produktionsfirma zu arbeiten. Es gehört somit didaktisch zum Lernprozess.

 

5. Also ist es ein rein finanzieller Grund, einen Film Co-Produzieren zu lassen?

Nein, es gibt mehrere Gründe. Im Fall der btf, kannten wir uns, da es ehemalige Studenten der khm sind, und sie unterstützen
uns auch im Allgemeinen. Jetzt im Fall eines Abschlussfilms gibt es verschiedene spannende Punkte, in der eine Co-Produktion funktionieren kann, wie beispielsweise die Anpassung der Kalkulation, oder die Abrechnung am Ende. Wenn man beispielsweise mit den Geldern nicht auskommt, kann die Produktionsfirma sich darum kümmern und man muss sich nicht als Student damit beschäftigen, wenn man sowieso nicht viel Geld hat. Wobei man auch immer selbst die finanziellen Mittel im Auge haben sollte.

 

6. Ist es dann auf jeden Fall hilfreich eine Produktionsfirma zu haben?

Ich würde nicht pauschal sagen, dass eine Produktionsfirma empfehlenswert ist.
Ich glaube, es hängt davon ab, was es für eine Produktionsfirma ist, weil es auch ein richtiger Albtraum sein kann,
wenn man den falschen Produktionspartner hat. Es ist eine sehr langfristige Beziehung, die man da eingeht, und es kann viel schief gehen, wenn man die falschen Entscheidungen trifft. Wenn mich jemand fragen würde, würde ich sagen, finde als Erstes heraus, warum diese Produktionsfirma überhaupt mit dir 
zusammen arbeiten möchte.

Wenn es nur darum geht, aus zukünftigen Projekten Profit schlagen zu können, und es gar nicht als Erstes um den aktuellen
Abschlussfilm geht, dann mach es nicht. Und such dir eine Produktionsfirma, die ein wenig Erfahrung hat. Es ist dein Abschlussfilm, ein sehr wichtiges Projekt. Es kann toll sein, wenn die Produktionsfirma gut ist, es kann aber auch zum Albtraum werden, wenn sie es nicht ist.

 

7. Ihr habt in einem tollen Haus gedreht. Szenen-, Masken und Kostümbild sind sehr aufwendig, alles scheint ein bisschen wie in einem Märchen! Wie wichtig war es euch, mit solchen Details zu arbeiten?

Bei Goldfische war ich komplett überzeugt, dass es wichtig ist. Es ist ein Märchen. Und ein Märchen muss in seiner Welt auf jede mögliche Art glaubwürdig sein. Hätten wir das Buch in einer realen Welt spielen lassen, wäre es nicht glaubwürdig gewesen. Wir mussten eine neue Welt schaffen. Damit diese Welt glaubwürdig ist, braucht man z.B. eine tolle Maske. Es gibt einen Zeitsprung von 15 Jahren, und das musste glaubwürdig rüber kommen. Solch ein Schloss muss so ausgestattet sein, dass man es glauben kann. Und es macht natürlich eine Menge Spaß. Mir, aber auch den Ausstattern und Maskenbildnern, für den Kameramann, eine solche Welt zu kreieren und wir wollten es so schön und so im Detail machen, wie es jetzt letztendlich geworden ist.

 

8. Aber wo findet man diese guten Leute, die an solch einem Film für wenig Geld mitarbeiten?

Für gar kein Geld.  Es gibt jetzt nicht einen speziellen Ort. Ich kann jetzt nicht sagen, in der Kneipe ums Eck sind die alle. Aber es ist natürlich so, je mehr man macht, umso mehr Leute lernt man kennen. Und viel ergibt sich über Kontakte, die man vielleicht tatsächlich in einer Kneipe gemacht hat. In unserem Fall, beispielsweise ist der Maskenbildner Waldemar Pokromski. Er kommt aus Polen und hat Schindlers List gemacht, Filme von Roman Polanski, das weiße Band hat er gemacht. Ich habe bei einem Film mitgespielt, vor ein paar Jahren, bei dem er der Maskenbildner war. Da haben wir uns kennengelernt und es hat menschlich gut funktioniert. Wir haben den Kontakt gehalten, und wenn ich in Berlin war, oder er in Köln, dann haben wir uns auf ein Bier getroffen. Als dann der Moment kam, habe ich ihn gefragt, ob er sich vorstellen könnte, so einen Film wie Goldfische zu machen und er hat ja gesagt.

Bei Johnny Haußmann wusste ich schon, dass er hoch talentiert ist und richtig viel mit wenig Geld machen kann und ich wusste vorher schon, dass er dabei sein muss. Du musst überzeugen, du musst die Leute von dem Projekt überzeugen. Ich glaube auch bei Schauspielern geht es Vielen gar nicht um Geld, sondern darum, ob das Projekt spannend ist. Zum Glück fanden sie das Drehbuch spannend und hatten Lust mit uns zu arbeiten. Goldfische, als mein Diplomfilm, war ein sehr anspruchsvolles, visuelles Projekt, dass ich früher nicht geschafft hätte. Da hätte ich mich nicht rangetraut mit so etwas z.B. als erster Kurzfilm zu starten.  Ich würde den Leuten empfehlen, die Filme machen wollen, das Allerwichtigste und das einzig Wichtigste ist es, ein gutes Buch zu haben und Schauspielführung zu lernen.
Das ist das Ding.
Ich habe richtig gute Filme gesehen, No-Budget, aber mit richtig geilen Drehbüchern.
Tollen Schauspielern, die gut inszeniert waren. Da hat man schon 80% von seinem Film. Danach, wenn man in den Jahren fit wird in dramaturgischen Strukturen und
Schauspielführung, kann man sich auf das Visuelle konzentrieren. Man kann auch gut auflösen und mit Bildern erzählen, ohne eine unglaublich aufwendige Ausstattung zu haben. Für das erste Projekt ist meine Empfehlung, das kommt alles. Mach eine Geschichte die funktioniert. Und wenn du es mit deinem Handy drehen musst, das ist egal. Und danach kommt der Rest.

9. Der Trend, der sich auch hier auf dem Festival beobachten lässt,
geht zu freieren Drehbüchern.
Losgelöster von festen Dialogen, mit mehr Vertrauen in die Schauspieler.
Was ist da deine Richtung?

Ich glaube, das hängt vom Stoff ab. Im Fall von Goldfische waren wir da auch begrenzt und konnten beispielsweise nicht in alle Richtungen schießen.
Es ist eine spannende Frage. Ich bin auch gerade an dem Punkt, wo ich mir überlege, welchen Effekt will man beim Zuschauer erreichen.
Und dann kann man vielleicht erkennen, was der beste Weg ist.
Es gibt Geschichten, bei denen es wichtig ist, dass der Zuschauer denkt, wow, das ist richtig authentisch.
Das fühlt sich frisch und echt an. Dokumentarisch fast.

Und auch in dem Fall, gibt es 1000 verschiedene Wege, das zu erreichen.
Ich glaube um Authentizität zu erreichen, musst du nicht unbedingt improvisieren.
Der Zuschauer muss eine gewisse Freiheit erfahren.
Es muss nicht genau der Dialog sein, den man im Buch hat, es kommt darauf an, wie es gesagt wird.
Wenn der Schauspieler letztendlich einen anderen Weg findet, den Inhalt zu vermitteln, kann es anders sein, als wie
du es im Drehbuch geschrieben hast.

Es gibt einen Film, der hier super als Beispiel passt - Blue Valentine.
Die Geschichte ist ziemlich easy, Boy meets Girl, mehr oder weniger.
Eine Liebesgeschichte, eine ziemlich traurige Liebesgeschichte.
Und ich habe es gesehen und dachte boah, es hat mich richtig geflasht, wie authentisch es ist.
Ich hatte das Gefühl, diese zwei Menschen existieren in echt. Und ich habe recherchiert und dachte, da ist bestimmt viel improvisiert.
Dann habe ich mir das Drehbuch runter geladen und gelesen, und es war eins zu eins, was sie auch sagen. Es gab gar keine Improvisation.
Es hängt einfach von der Geschichte ab und bei manchen Regisseuren funktioniert mehr Freiheit und bei anderen nicht.
Was ich nicht empfehlen würde, ist zu sagen, "oh ich weiß nicht genau um was es in der Szene geht, dann improvisiere ich es einfach".
Du musst bei einer Szene wissen, in welcher Stimmung man reingeht und in welcher soll man rauskommen. Bei dem Rest 
kannst du mit dem arbeiten, was die Schauspieler dir anbieten.

 

10. Ein Film, welcher ebenfalls von starken Bildern lebt, ist Reina, den du 2014
zusammen mit Jakob gedreht hast, der für die Bilder verantwortlich ist und mit dem
ihr auf den Hofer Filmtagen Premiere gefeiert habt.
Diesen Film seid ihr ganz unkonventionell angegangen und hattet kein festes Drehbuch.
Was war eure Intention bei dem Film? Wie war die Arbeit bei Reina?

Reina ist ein spezieller Fall. Jakob Beurle, ein Kameramann mit dem ich regelmäßig arbeite, hat mir gesagt, er würde gerne
seinen Diplomfilm mit mir machen, aber unter 3 Bedingungen und die waren, ohne Drehbuch, nicht in Deutschland und auf Film,
also nicht auf Digital, sondern auf 35 mm.

Solche Angebote kommen nicht so oft. Und ich dachte, ja ok, mal schauen. Und dann 
hatten wir so eine grobe Idee. Die Prämisse von Reina.
Und ich sagte zu ihm, ja ok, dann lass uns sowas genau jetzt, während des Studiums, machen.
Viele Leute haben gefragt, ob ich es nochmal machen würde. Ich glaube in der Form nicht.

Aber ich habe viel davon gelernt. Was ich auf jeden Fall gelernt habe, man muss nicht am Set mit dem Drehbuch drehen.
Du weißt, worum es in der Szene geht, hast es schon1000 mal gelesen und hast es im Kopf.
Schau nicht mehr ins Drehbuch, schau auf die Schauspieler, was sie dir anbieten und arbeite damit.
Mit der ganzen Vorbereitung, die man davor hat, sichert man sich ab, aber danach muss man am Set reagieren.

In dem Fall war es extrem schwierig, weil ich nicht wusste, in welche Richtung die Geschichte geht.
Es war extrem stressig und würde ich in genau der Form nicht mehr machen.
Aber eine bestimmte Freiheit zu haben, ja, das ist gut.
Zu sagen " Hey Moment, ich weiß noch nicht genau, ob es so funktioniert, lass uns Dinge ausprobieren", das funktioniert immer.
Die Arbeit von einem Regisseur ist glaube ich nicht Malerei, sondern die Erstellung einer Skulptur.
Du musst schauen, was für ein Stein wird dir angeboten und dann musst du schauen, was nimmst du weg, was muss dazu.
Der Stoff sind die Schauspieler.
Dann lässt du dir was anbieten und schaust, ein bisschen weniger, ein bisschen mehr, oder etwas komplett ändern.
Aber zuerst musst du etwas sehen.

 

11. Konventionell oder unkonventionell, gibt es für dich einen universal Tipp, für alle die
Filme machen wollen, an das Ganze ranzugehen?

Meine Meinung ist, man muss die Regeln kenne, um sie danach brechen zu können.
Versuchen Regeln zu brechen, die man nicht genau kennt, bringt nicht viel.
Wenn man die klassischen Regeln kennt, dann kann man versuchen neue Strukturen auszuprobieren.
Diese sind klassisch, weil sie in den letzten Jahren mehr oder weniger funktioniert haben. 
Den Filmemachern, die damit anfangen wollen Filme zu machen, würde ich raten, schaut euch euer
Buch an und überlegt genau, was die beste Art ist, diese Geschichte mitzuteilen.


 

Mehr Infos zu Goldfische? Schauen Sie hier
Was genau war da los bei Reina - hier erfahrt ihr mehr! 

 

 

 

 

Fotos: ©  Denise Linnemann
Interview: Vanessa Linnemann

 

 

Facundo V. Scalerandi
Geboren 1986 in Córdoba. 
Studium an der Kunsthochschule für Medien Köln
Regie I Drehbuch I Schauspiel

"Ich würde den Leuten empfehlen, die Filme machen wollen, das Allerwichtigste und das einzig Wichtigste ist es, ein gutes Buch zu haben und Schauspielführung zu lernen. Das ist das Ding."
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